Daniel, Venture Capital - auf Deutsch “Risikokapital” - ist eine Finanzierungsform, bei der Investoren in frühe, innovative Unternehmen mit hohem Wachstumspotenzial investieren. In dieser Rolle treten wir mit unserer nekaj GmbH auf. Diese Startups haben oft noch keine etablierten Geschäftsmodelle oder Umsätze. Warum sind Venture-Capital-Fonds für Startups so wichtig?
Unser ganzer Wirtschaftsstandort braucht dringend Venture Capital (VC). Denn es ist nicht nur eine Finanzierungsquelle, sondern eine strategische Partnerschaft: Investoren bringen neben Kapital auch Netzwerke, Know-how und operative Unterstützung mit. Sie setzen auf Unternehmen, die traditionelle Industrien verändern oder ganz neue Märkte schaffen können – oft mit radikal neuen Technologien. Alternativen gibt es kaum: Banken sind bei Startup-Finanzierungen zurückhaltend, im Mittelstand fehlt oft die Erfahrung, Private Equity passt für die frühe Phase nicht, von Crowdfunding rate ich oft ab. Nicht nur, aber auch wegen des schwachen VC-Ökosystems sind entscheidende Technologien nicht hier entstanden, sondern in den USA oder China.
Ohne Venture Capital gäbe es weder Zalando noch BioNTech. Auch die großen Akteure der Weltwirtschaft - die sogenannten Magnificent 7 in den USA – also Unternehmen wie Apple, Microsoft, Amazon, Google (Alphabet), Meta, Tesla und Nvidia wurden ursprünglich alle durch Venture Capital finanziert. Die letzten Jahre trieben diese Unternehmen die Wertentwicklung ganzer Börsenindizes. Was unterscheidet Mätch VC von anderen Venture-Kapital-Fonds?
Die Besonderheit liegt in der Zusammensetzung unserer Investoren und unserem starken regionalen Bezug. Unser Fokus liegt auf Investitionen in technologieorientierte Startups in den Bereichen Industrial Deep Tech, Nachhaltigkeit und Unternehmenssoftware. Wir bündeln die Kräfte von über 60 Familienunternehmen, hauptsächlich aus dem Mittelstand. Unser Ziel ist es, nicht nur finanzielles Kapital bereitzustellen, sondern auch unser umfangreiches Netzwerk, um diese Startups nachhaltig zum Erfolg zu führen. Dabei sind zum Beispiel Bauder Dach, Pflugfelder, Ritter Sport, die SCHARR-Unternehmensgruppe, Minol Zenner und viele andere familiengeführte Mittelständler.
Durch unsere enge Verbindung zur Innovationsplattform NXTGN erweitern wir unser Netzwerk um Universitäten, Forschungseinrichtungen und weitere Familienunternehmen. So können wir technische Teams früh entdecken und finanzieren. NXTGN ist eine Innovationsplattform, die Startups, Wissenschaft und Wirtschaft zusammenzubringt und besteht aus Institutionen wie z.B. dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT), der Universität Stuttgart, der Universität Heidelberg, der Universität Ulm, der Hochschule der Medien, dem IPAI in Heilbronn und weiteren Partnern.
Wie entwicklet sich Stuttgart als Innovationsstandort? Welche Best Practise Beispiele sind mit Stuttgarter Wurzeln dabei zu nennen?
Die Zusammenarbeit zwischen Mätch VC und NXTGN schafft ein Ökosystem, das den gesamten Innovationsprozess abdeckt – von der Ideenfindung in akademischen Einrichtungen über die Gründung und Finanzierung von Startups bis hin zur Etablierung am Markt. Wenn Baden-Württemberg wirklich international relevant sein will, müssen wir aufhören, in Fürstentümern wie Stuttgart, Karlsruhe oder Heidelberg zu denken. Diese regionalen Grenzen helfen uns nicht weiter. NXTGN arbeitet an der Vernetzung des ganzen Bundeslandes. Stuttgart hat sich in den letzten Jahren zu einem wichtigen Standort für erfolgreiche Startups entwickelt. Unternehmen wie Flip (Interne Kommunikation), Sereact (Robotik) oder Anydesk (Remote-Desktop-Software), sind beeindruckende Beispiele. Besonders spannend sind auch Assemblio, Q.ANT, Sparetech und Markt Pilot. Dann haben wir noch Vialytics, das mit KI-gestützten Lösungen Kommunen hilft, Straßeninfrastrukturen zu verwalten. Diese Unternehmen haben nicht nur hochqualifizierte Arbeitsplätze geschaffen, sondern kommen zusammen bereits auf eine Unternehmensbewertung von weit über einer Milliarde Euro – und das ist erst der Anfang. Ein beachtlicher Anteil der Umsätze kommt aus den USA. Stuttgart zeigt damit eindrucksvoll, dass aus der Region heraus echte Champions entstehen können.
Nicht nur Stuttgart konkret, sondern generell Süddeutschland ist im Wandel. Andreessen Horowitz, wahrscheinlich das bekannteste VC Unternehmen der Welt, hat in Black Forest Labs aus Freiburg investiert. Ihr hattet als einziger europäischer Fonds das Black Forrest Lab früh auf dem Radar und konntet Euch finanziell beteiligen. Das wunderschöne Freiburg mussten die Kollegen im Silicon Valley sicher erst auf der Karte suchen. Wie unterschiedet sich Stuttgart als Standort von Berlin?
Der große Unterschied zu Berlin liegt in der industriellen Basis. Im Hinterland von Deutschland, wozu ich im Grunde ganz Baden-Württemberg, Hessen, das Ruhrgebiet, usw. zähle, sitzen viele der weltweit führenden Industrieunternehmen. Hier geht es bodenständiger zu. Die exzellenten Universitäten, kombiniert mit diesen Weltmarktführern, bilden die Grundlage für tolle Deep-Tech- und Industrial-Tech-Startups. Genau deshalb ist jetzt der perfekte Zeitpunkt für einen Fonds wie Mätch VC. Die Strukturen, die wir hier in Baden-Württemberg und Stuttgart haben – die enge Verzahnung von Forschung, Industrie und Kapital – bieten das ideale Umfeld für solche Unternehmen. Und wenn die weltbesten KI-Forscher in Freiburg sitzen, kommen die Amerikaner eben zu uns.
Wie siehst du München im Vergleich zu Stuttgart?
München macht uns extrem zuversichtlich, wenn wir auf die Zukunft des europäischen Startup-Ökosystems blicken. Die Stadt, mit dem großen Anker der Technischen Universität München, hat sich in den letzten Jahren rasant entwickelt und zeigt, dass es möglich ist, ein starkes Tech-Ökosystem außerhalb der USA aufzubauen. Während wir noch über den Verbrennermotor diskutieren, hat sich München zumindest im Vergleich zu Stuttgart schon etwas von der Abhängigkeit der Automobilindustrie gelöst. Stattdessen siedeln sich Unternehmen aus dem Silicon Valley an – von Apple bis OpenAI. Das ist ein hervorragendes Zeichen für Europa. Trotzdem, wenn man sich ansieht, was hier in Städten wie Heidelberg, Heilbronn oder am KIT in Karlsruhe entsteht, dann erkennt man, dass wir als Einheit zumindest das Potential für unser eigenes „München“ haben. Denn das geht nur zusammen.
Ein Bereich, der oft nicht mit Startups in Verbindung gebracht wird, ist die Bauwirtschaft. Welche Rolle spielt dieser Sektor in eurem Ökosystem? Investiert ihr auch in diesem Bereich?
Ja, der Immobilienbereich ist sehr interessant für uns. Ebenso die Baubranche. In beiden Bereichen sehen wir viel Potential. Unser erstes Investment in dem Bereich ist metergrid: Die Lösung für grünen und dezentraler Strom in Mehrfamilienhäusern. Mieterstrom war bislang vielen zu kompliziert. Ich bin nicht mutig, wenn ich sage: Metergrid wird wohl die nächste Erfolgsstory aus Stuttgart. Es sind dennoch duzende Startups die wir wöchentlich screenen. Oft investieren wir am Ende nicht, aber verbinden die Startups mit “unseren” Mittelständlern. Denn viele Startups haben tragfähige Geschäftsmodelle und lösen echte Probleme.