Kaum ein Trend hat sich so rasant entwickelt wie Mobilität. Sie wird als ein essentielles Element des gesellschaftlichen Gefüges betrachtet und stellt eine Grundvoraussetzung dar, um aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Ist Mobilität damit ein Grundbedürfnis?
Mobilität ist ein Grundbedürfnis der Menschen. Ihr Stellenwert hat sich aber im Zeitalter der Digitalisierung verändert. Ein Beispiel dafür ist die Zunahme des Homeoffice: Früher bedeutete die Teilnahme am Arbeitsleben, dass Pendeln stets mit Verkehr verbunden war, heute kann man viele Dinge von daheim erledigen. Wir können also die wichtige gesellschaftliche Teilnahme realisieren, ohne dass wir deswegen unbedingt Verkehrszuwachs haben. Ich sage hier, dass es zum Glück diese Optionen gibt, denn nur so lässt sich in der vernetzten Welt eine Mobilität erreichen, die den Klimaschutz im Verkehr möglich macht. Natürlich muss der Sportplatz erreicht werden und Schlossfestspiele rein digital möchte niemand. Bei dieser Art der Freizeitmobilität wird es immer Verkehr geben, den wir möglichst nachhaltig abwickeln müssen. Wichtig dabei ist das Loslösen von irgendwelchen Dogmen. Wenn eine Person mit dem Auto einkaufen möchte oder es nutzt, weil sie zu spät dran ist, muss – und ich sage mit Absicht muss! – weiterhin diese Möglichkeit in Ludwigsburg haben. Die Veränderung der Arbeitswelt und das Freizeitverhalten, das sind die Dinge, in denen wir Mobilität denken.
Doch Mobilität gilt nicht nur als Möglichmacher – sondern bringt auch schwerwiegende Konsequenzen mit sich. In erster Linie für unsere Umwelt. Welche alternativen Mobilitätsansätze hat die Stadt Ludwigsburg für die Zukunft?
Die Stadt Ludwigsburg hat den Vorteil, dass es relativ kurze Wege in der Stadt gibt. Das bietet die Chance, dass viele Wege gut zu Fuß, mit dem Fahrrad, dem Pedelec oder dem ÖPNV zurückgelegt werden können. Viele Menschen in Ludwigsburg nutzen dies. Das zeigen beispielsweise über eine Million Fahrradfahrende in der Alleenstrasse pro Jahr. Unser Ziel muss es sein, hier noch besser zu werden, dafür steht unter anderem der Planungsprozess der Stadtbahn LUCIE. Hier sieht man, dass solche Lösungen aber Zeit brauchen: Wenn der Staat mehrere hundert Millionen Euro ausgibt, müssen viele Bevölkerungsgruppen davon profitieren: Auch diejenigen, die dem ÖPNV vielleicht noch nicht ganz zugeneigt sind. Die müssen wir überzeugen! Da gilt es in Ruhe abzuwägen und keine Schnellschüsse zu wagen. Das passiert in der derzeitigen Politik leider ein wenig zu oft und das verärgert die Menschen zurecht.
Die Stadt Ludwigsburg möchte mit der Verkehrswende den Co2-Austoß bis 2030 verringern. Dabei haben Sie klare Ziele formuliert: Jeder zweite Weg soll mit dem Fuß oder Rad machbar sein, jede zweite Tonne und jedes zweite Auto fährt klimaneutral, öffentlicher Nahverkehr wird verdoppelt, ein Fünftel weniger KFZ-Verkehr in Stadt und Land. Mit welchen konkreten Maßnahmen wollen Sie die Ziele erreichen?
Die Stadt Ludwigsburg ist hier in voller Übereinstimmung mit den Zielen des Landes Baden-Württemberg. Die Ziele sind ambitioniert, aber alle Untersuchungen zeigen, dass anders die notwendigen Klimaziele nicht erreicht werden können. Wir haben vieles vor. Mit dem Umbau des ZOB, der Neugestaltung des Franck-Areals und barrierefreien S-Bahn-Gleisen wird das Bahnhofsareal deutlich aufgewertet und fit für viele neue Fahrgäste gemacht. Gute Radrouten vom und zum Bahnhof und eine verbesserte Fußgängerführung helfen, das Wege gut und klimaneutral zurückgelegt werden können. Ich lasse das Auto als Bürger doch nur stehen, wenn es mit dem ÖPNV einfacher und auf schwäbisch „gschickter isch“. Wenn es aber nicht anders geht, bietet Ludwigsburg in Zukunft weiterhin die Möglichkeit, das Auto zu nehmen. Vergessen Sie nicht die Menschen, die auf das Auto angewiesen sind. Diese Gruppe ist in den derzeitigen Debatten leider oftmals unterrepräsentiert. Der öffentliche Nahverkehr muss noch besser werden und unsere Stadtwerke helfen, dass die klimaneutrale Elektromobilität weiter vorankommt. Ein Beispiel sind hier auch wohnortnahe Schnellladeangebote, die jetzt auf der Bärenwiese eingerichtet werden. Aus Sicht der Verwaltung müssen wir Möglichkeiten schaffen, unnötige Wege und damit Verkehrsbelastungen zu reduzieren. Je mehr Verwaltungsvorgänge digital erfolgen können, desto weniger müssen sich die Menschen auf den Weg ins Rathaus machen.
Das eigene Zuhause ist meistens Start- und Endpunkt von Mobilität. Wie muss das Thema Wohnen mit in das Mobilitätskonzept integriert werden?
Ich glaube wir müssen vom Denkansatz ausgehen, dass der „Bürojob“, so wie wir ihn kennen, größtenteils irgendwann nicht mehr existiert. Unternehmen werden keine großen Gebäude mehr anmieten, um dort ihre Mitarbeitenden Tätigkeiten ausführen zu lassen, die sie auch von zuhause aus tun könnten. Das ist einfach wirtschaftlich gedacht. Wenn die Menschen diese Option in Anspruch nehmen wollen, muss das funktionieren, ohne dass stets der Küchentisch freigeräumt werden muss. Hier sind mit Sicherheit auch Bauträger mit innovativen Ideen gefordert. Wenn es über die Wohnung hinausgeht, müssen Angebote stimmen. Ist die nächste Bushaltestelle 1000 Meter entfernt, funktioniert das Busangebot nicht. Zudem haben wir viele Menschen in der Pflege, auf Baustellen, in der Polizeitätigkeit oder in der Feuerwehr: Die müssen weiterhin einfach zur Arbeit in die Dienststelle kommen.
Wohnung, Arbeitsplatz, Bildungseinrichtungen, Gastronomie, Freizeit und Erholung müssen alle infrastrukturell, sinnvoll vernetzt sein. Was plant die Stadt Ludwigsburg für die Zukunft?
Zunächst gilt es wie ausgeführt zu prüfen, welche Vernetzung auch ohne Verkehrsaufkommen möglich ist. Dort wo es Verkehr geben wird, fängt es mit Kleinigkeiten an. Wenn ich mit dem Rad zum Sport möchte, dort aber mein teures Fahrrad nicht anschließen kann, fahre ich besser mit dem Auto. Ähnliches gilt, wenn ich in mein Lieblingsrestaurant möchte. Die Strategie der Stadt Ludwigsburg ist, neben den großen Maßnahmen auch solche Dinge in den Blick zu nehmen, die für Menschen oft entscheidend sind. Eine gesunde Balance zwischen Quartieren, in denen ich wohne und alles „Nötige“ finde, ich aber trotzdem noch gerne in die Innenstadt gehe, die ist mein Ziel.
Herzlichen Dank, Matthias Knecht.